Das Sterben und ich

Als junger Mensch hat es mich richtig gegruselt vor dem Sterben. Ich habe als Kind meine Großmutter im Sarg gesehen. Sie wurde noch zu Hause aufgebahrt und die Nachbarn haben den Rosenkranz gebetet. Meine andere Oma sah im Sarg nicht so gut aus. Tote Tiere konnte ich nicht anfassen. Ich musste tote Kaulquappen ausschütten, erbrechen war klar.
Dann habe ich das Buch von Carmen Thomas gelesen: „Vom Umgang mit der Leiche“. Es hat mir viel geholfen, dem Sterben im Leben einen Platz zu geben. Danach gab es lange Jahre keinen Todesfall in meiner Familie.
Als meine Schwiegermutter starb, war ich nicht dabei. Lange Jahre der Pflege gingen voraus und der Tod war eine Erlösung. Hier hatte ich die Aufgabe bei den Feierlichkeiten mitzuhelfen, die Aussegnung, wie man im Katholischen so schön sagt. Ich wollte, dass sie bei der Grabrede als Mensch dargestellt wird, was sie geliebt hat und was ihr wichtig war. Als der Sarg zum Grab getragen wurde, war mir wichtig, dass wir als Familie ganz nah dabei sind, „auf dem letzten Weg begleiten.“
Der nächste Todesfall war dann mein geliebter Berry. Er war gerade 13 Jahre alt, für einen Tibi noch kein Alter. Ich hatte mich auf ein Leben mit einem älter werdenden Hund eingestellt. Als das Haus renoviert wurde, gab es z.B. extra eine ebenerdige Dusche, denn nicht nur er auch ich werde ja älter und seine Körperpflege sollte für uns beide nicht anstrengend werden. Das Haus hat einen Garten, der für Hunde super geeignet ist. Den hat er auch genutzt, nur nicht so lange, wie ich mir gewünscht hatte. Alles war darauf eingestellt, dass wir nach dem Umzug unser Leben zusammen verbringen. Es hat dann nur noch ein gutes Jahr gedauert. Es gab kleine Anzeichen, dass es ihm nicht gut geht und wir waren beim Kardiologen. Wir blieben in tierärztlicher Behandlung. Ich habe alles getan, was in der Situation geboten war. EIGENTLICH habe ich alles getan. Aber war es auch genug? Nach seinem plötzlichen Tod habe ich mich das immer öfter gefragt.
Als mein Vater ein halbes Jahr später starb, war ich dabei und es war ein ergreifendes Erlebnis für mich. Ich habe mit ihm geredet, seine Hand gehalten. Ob er mich gehört hat, weiß ich nicht. Aber er war sehr ruhig, nachdem ich da war. Er starb im Pflegeheim und alle waren sehr liebevoll. Ich muss sagen, ich habe ihn gut begleitet. Das Leben war mit Höhen und Tiefen verlaufen und das Ende absehbar, weil die Kraft zu Ende ging.
Nicht so bei Berry. Er wurde aus dem Leben gerissen, er wurde von meiner Seite gerissen, ich hätte ihn noch gebraucht. Ich habe mich ohne ihn wie ein halber Mensch gefühlt. Mir wurde bewusst, dass ein großer Teil meiner Persönlichkeit mit ihm verbunden war.
Dazu kam das Gefühl, dass er nicht weg war. Er war in mich hineingestorben. Er war da. Gefühlschaos: Trauer und Heimweh, Gefühl des Verlassenseins, Hadern mit dem Schicksal (Warum jetzt schon?), Gefühl der Leere, Vorwürfe (Hätte ich etwas besser machen können?), Selbstvorwürfe (War ich wirklich genug für ihn da?).
Der Begriff Tierkommunikation war mir bekannt. Immer öfter haben Frauen, denen ich vertraue, geäußert, dass es ihnen etwas gebracht hat, dass es gut getan hat. Nach einem weiteren Todesfall in der Familie wuchs die Bereitschaft, dieses Unglaubliche zu wagen. War es wirklich möglich ins Reich der Toten zu dringen und Kontakt aufzunehmen? Beweisen kann ich es nicht. Und es ist mir auch egal. Berry hat zu mir gesprochen. Wir werden uns eines Tages wieder sehen. Mein eigener Tod macht mir keine Angst. Mein treuer Hund wird auf mich warten, so wie er immer auf mich gewartet hat, mein Freund, mein Partner, mein Vertrauter. Er weiß jetzt, dass ich mir Sorgen gemacht habe, weil ich nicht wusste, wie es ihm geht. Er konnte sich immer auf mich verlassen und ich weiß jetzt, dass er das auch so wahrgenommen hat. Unsere Liebe ist unsterblich.

Liebe Barbara Meurer, Du hast mir diesen Weg gezeigt. Durch Dich war es möglich, diesen letzten Punkt zu klären. Sein plötzlicher Tod, der mich so fassungslos gemacht hat, ist jetzt friedlicher. Es ist für ihn ok. Damit kann ich leben. Bis wir uns wieder sehen. Danke dafür!

Rita Bürger